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Miteinander. Deersheim!

 

Ein Projekt zur Entwicklung eines gemeinschaftlichen Nahversorgungs– und Kommunikationszentrums in Deersheim.

 

Rückblick:

Ende 2012 – die Kaufhalle in Deersheim wurde geschlossen. Für den Betreiber, die PUG Kauf eG, war die kleine Kaufhalle nicht mehr lohnenswert. Für viele Deersheimer war die alte Kaufhalle im längst vergessen geglaubten DDR-Standard nicht mehr attraktiv genug, für einige aber doch lebensnotwendig.

acr555270191867615360 Die alte Kaufhalle 2012

 

Der Aufschrei der Deersheimer kam zu spät, die Schließung war beschlossen und wurde nicht mehr rückgängig gemacht. In Deersheim sprechen die Menschen viel miteinander und das Problem der geschlossenen Kaufhalle wurde in der Gaststätte, in den Vereinen auf der Straße und bei Familienfeiern überall diskutiert, eine Lösung war jedoch nicht in Sicht.

Zeitgleich begann in der Einheitsgemeinde Osterwieck – Deersheim ist ein Ortsteil dieser Gemeinde – ein Projekt des Landkreises Harz: „ZukunftsWerkStadt . Vision 20plus – Gemeinsam mehr bewegen“. Dieses vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt hatte das Ziel, Ideen aus der Bevölkerung für die nachhaltige Entwicklung der Region aufzunehmen und mit Hilfe der Wissenschaft auf Umsetzbarkeit zu prüfen.

Es gab dabei das Versprechen der Projektverantwortlichen, alle Ideen ernst zu nehmen (www.vision20plus.de). Die Deersheimer zögerten nicht lange und stellten dem Projektteam ihren Wunsch zur Schaffung einer zukunftsfähigen Versorgung vor.

„Wir wollen einen Dorfladen in Deersheim!“ das sagt sich schnell, aber wie soll das funktionieren? Schließlich wurde die Kaufhalle doch nicht geschlossen, weil so viele Leute eingekauft haben, sondern weil der Umsatz zu niedrig war.

Wer soll denn einen Laden betreiben?

Wo soll so ein Laden denn entstehen?

Etwa wieder in der alten Kaufhalle?

Diese und viele andere Fragen standen im Raum und die Suche nach einer Lösung begann. Gemeinsam mit dem Projektteam der ZukunftsWerkStadt (Landkreis Harz, Einheitsgemeinde Stadt Osterwieck, Hochschule Harz und andere Partner) konnte etwas Struktur in die ersten Überlegungen gebracht werden und auf der Suche nach guten Beispielen stießen wir auf die DORV-Initiative in Jülich-Barmen. Obwohl fast am anderen Ende Deutschlands gelegen, waren die Experten aus Jülich- Barmen schnell bereit nach Deersheim zu kommen, um über ihren Dorfladen zu berichten.

Der Saal im Dorfkrug war bis auf den letzten Platz belegt, mehr als 70 Personen lauschten gespannt dem Vortrag und erfuhren, wie Nahversorgung auf dem Dorf funktionieren kann. Noch an diesem Abend gründete sich eine Lenkungsgruppe, die bis heute in fast identischer Zusammensetzung besteht. Die Frage nach einem geeigneten Ort für den Dorfladen blieb nicht lange offen, denn in Deersheim gibt es den Edelhof. Der Edelhof, ein alter Gutshof, wurde bereits teilsaniert. Der Kindergarten und eine Festhalle befanden sich zum damaligen Zeitpunkt in den alten Gemäuern. Ein großes Gebäude wartete noch auf eine Sanierung und eine sinnvolle Nutzung.

Hier sollte der Deersheimer Dorfladen entstehen:

 

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Der Edelhof liegt optimal mitten im Dorf. Nicht nur Kindergarten und Festhalle befinden sich dort, das Dorfgemeinschaftshaus mit Jugend- und Seniorenclub sowie der Sportplatz befinden sich am Edelhof. Die Hauptverkehrsstraße nach Halberstadt führt direkt am Edelhof vorbei und für die Wahl dieses Objektes sprach auch der schöne großzügige Parkplatz vor dem Gebäude. Es folgte eine Befragung, in der die Mitglieder der Lenkungsgruppe von Haus zu Haus gingen und erfragten, ob die Idee vom Dorfladen unterstützt wird, welche Produkte und Dienstleistungen erwartet werden, wie die Einkäufe derzeit erledigt werden und inwiefern die Deersheimer dazu bereit wären, sich mit Geld oder eigener Arbeitskraft an der Umsetzung zu beteiligen.

Das Ergebnis der Befragung machte Mut, ein klares Ja für den Dorfladen und ein ebenso klares ja zur Bereitschaft, Geld oder die eigene Arbeitskraft für den Dorfladen zu investieren. So weit, so gut, aber eine Frage war dennoch offen:

Wer soll den Dorfladen betreiben?

Auch diese Frage wurde nicht allein, sondern in einem Saal voller Interessierter gemeinsam erörtert. Verschiedene Betreiberformen – GmbH, wirtschaftlicher Verein, Genossenschaft, GbR u. a. wurden mit ihrem Für und Wider von einer Rechtsanwältin vorgestellt.

Die Entscheidung der Deersheimer fiel sehr deutlich aus: für die Genossenschaft.

acr555270191867613974 Der Infoabend

 

Was sich jetzt im Rückblick nach der Arbeit weniger Wochen anhört, war bereits die Arbeit mehrerer Monate. Wenn man einen Dorfladen aufbauen will, gibt es viele offene Fragen, viele Unklarheiten und Unsicherheiten. Gut, dass es das Dorfladen-Netzwerk gibt! Nicht nur die Fachleute aus Jülich- Barmen, auch die Initiatoren des Dorfladens Ottersen haben uns sehr geholfen und wir konnten von dem Wissen und den Erfahrungen profitieren. Nun wurden Mitglieder für die Genossenschaft gesucht. Auf allen öffentlichen Veranstaltungen, beim Dorffest, beim Ostermarkt und beim Weihnachtsmarkt wurde die Idee vom Dorfladen durch die Lenkungsgruppe verbreitet und nach Mitstreitern gesucht. Selbst beim Karneval – und der Deersheimer Karneval ist etwas ganz besonderes – stand die Dorfladeninitiative bereit.

Immer mehr Deersheimer bekundeten ihr Interesse.

Bei der Vorbereitung der Genossenschaftsgründung bekam die Lenkungsgruppe sehr gute Unterstützung durch den Zentralverband der Produktionsgenossenschaften Halle.

Am 4.11.2014 war es dann soweit: Die Dorfladen Deersheim eG wurde gegründet. 89 Gründungsmitglieder zählte die neue Genossenschaft,

Vorstand und Aufsichtsrat wurden gewählt.

 

acr5552701918676-11015 Genossenschaftsgründung Nov. 2014

 

Wieder ein Schritt geschafft, aber der Dorfladen war immer noch nicht in Sicht. Mit LEADER-Fördermitteln konnte weiter gebaut werden, Dach und Außenwände wurden saniert. Immer wieder wurde am Konzept gearbeitet. Aus der ersten Überlegung, den Dorfladen auf der gesamten Fläche zu platzieren, war längst eine Multifunktionslösung entstanden. Dorfladen, Café, Beratungsraum und Friseur sollten in einem Seitenflügel des Gutshofgebäudes untergebracht werden. Auch die Markthalle in dem anderen Flügel sollte durch die Organisation von Themenmärkten zu einem weiteren Standbein der Genossenschaft werden.

Für den Ausbau des Dorfladens war jedoch noch keine finanzielle Lösung gefunden. Ein Förderantrag für den Ausbau des Ladens wurde gestellt und abgelehnt, da Genossenschaften in der Richtlinie ausgeschlossen waren.

Und nun? Aufgeben?

Nein, aufstehen und einen neuen Anlauf nehmen! Bei der ersten Generalversammlung der Dorfladen Deersheim eG wurde die Nachricht verkündet, dass ein gestellter Förderantrag leider nicht erfolgreich war, aber die mittlerweile über 100 Mitglieder stimmten für‘s „Weitermachen“. Einen Joker hatten die Vorstandsmitglieder noch in der Hinterhand: gerade war eine neue Ausschreibung des BMEL „Regionalität und Mehrfunktionshäuser“ veröffentlicht worden und mit der Unterstützung der Genossenschaftsmitglieder im Rücken wurde ein Förderantrag gestellt.

Im Dezember 2015 konnte die Deersheimer Markthalle eröffnet werden, in der zukünftig von der Genossenschaft Themenmärkte organisiert werden sollten. Die Themenmärkte sollten zu einem weiteren Standbein der Genossenschaft werden und neben den Deersheimern auch Interessenten aus den umliegenden Dörfern anziehen. Bei der Eröffnung wurde wieder bewusst, dass die Menschen ihren Edelhof lieben und er als Ort für Dorfladen und Markthalle sehr geeignet ist.

Das Warten auf eine Entscheidung zum Förderantrag war anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Wie stolz und glücklich waren die Dorfladen-Initiatoren, als die positive Nachricht kam, dass Deersheim für die Förderung des BMEL „Regionalität und Mehrfunktionshäuser“ ausgewählt wurde. Hieß das, 100.000 EUR Fördermittel könnten bald nach Deersheim fließen? Nein, es kam noch besser, das BMEL wählte das Projekt Miteinander.Deersheim! als Leuchtturmprojekt aus und aus den 100.000 EUR wurden sogar 150.000.

Im Januar 2016 begann das Projekt Miteinander.Deersheim! leider mit einer weiteren Hürde, die zu überwinden war. Der bauliche Zustand des für Dorfladen, Friseur, Café und Beratungsraum vorgesehenen Gebäudeteils war deutlich schlechter als vorgesehen. Statt sanierter Innenwände, Decken und Fußböden übergab die Gemeinde der Genossenschaft das Objekt mit einem fast unsanierten Innenbereich.

Auch an dieser Stelle stand wieder die Frage, Aufgeben oder Weitermachen?

Die Genossenschaft entschloss sich für’s Weitermachen. Mit zusätzlichen Eigenleistungen und dem zusätzlich aus dem Leuchtturmprojekt zur Verfügung stehenden Geld sollte die Differenz ausgeglichen werden. Gleichzeitig wurden einige Gestaltungswünsche auf später verschoben. Zustand des Objektes bei Übernahme Ziele des Projektes Miteinander.Deersheim! waren der Bau und die Fertigstellung des Objektes, die Belebung des Dorfzentrums und die Weiterentwicklung zusammen mit allen Akteuren im Ort. Während der Bau sichtbar voran ging, fanden erste Gespräche mit aktiven Gruppen im Dorf statt.

Ein Treffen mit den Vereinsvorsitzenden (in Deersheim gibt es 11 aktive Vereine) fand bereits im Februar statt. Wie kann Deersheim zukunftsfähig gestaltet werden? Was fehlt für die älteren Menschen? Was brauchen die jungen Leute und die Kinder, um sich wohl zu fühlen? Es folgte ein weiteres Gespräch

mit der Seniorengruppe. Auch hier wurde diskutiert und Ideen entwickelt. Waren es nur große Worte oder finden sich wirklich Männer, die einfache Tätigkeiten beim Ausbau des Dorfzentrums unentgeltlich übernehmen? In Deersheim steht man zu seinem Wort und so fanden vier Arbeitseinsätze jeweils an einem Samstag statt, bei denen Kies eingebracht, Dämmung verlegt, Verputzarbeiten aber auch die Instandsetzung der Außenanlagen stattfanden. Der Ostermarkt bot eine gute Möglichkeit, um das Projekt zu bewerben, um über den Baufortschritt und die nächsten Aktionen zu informieren. Die Besucher waren überrascht, denn das Dorfzentrum nahm sichtbar Gestalt an.

Jede Woche ging der Bau voran und wenn die Deersheimer über den Edelhof gingen, guckten sie oft auch neugierig in den Laden, um zu sehen, wie lange es noch bis zur Eröffnung dauert.

acr555270191867623977  Zustand im Mai 2016

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Parallel zum Bau fanden Gespräche mit potenziellen Lieferanten statt. Hier war immer wieder das Abwägen zwischen regionalen Produkten und günstigeren Preisen notwendig. Beides muss ein Dorfladen bieten, aber beides zu ermöglichen ist zum Start sehr schwer. Die wichtigsten Angebote stehen, Fleisch und Wurstwaren, Brot und Kuchen, Obst und Gemüse kommen aus der Region. Andere Waren werden über Großhändler bezogen. Nicht einfach gestaltete sich auch die Suche nach geeignetem Personal, denn auch gutes Personal hat seinen Preis und ein kleiner Dorfladen kann nicht die Gehaltsstruktur der großen Ketten bieten.

Aber beim Personal hat der Dorfladen nicht nur einen Pluspunkt: Gerade junge Frauen mit Kindern bevorzugen kurze Arbeitswege und die Möglichkeit der Teilzeitarbeit. Beides konnten wir bieten. Ein weiterer Pluspunkt des Dorfladens ist die Möglichkeit für das Personal, eigene Ideen einzubringen, den Laden mit zu gestalten. Das ist in großen Ketten oder in privat geführten Läden kaum möglich. Vollständig abgeschlossen ist die Personalsuche noch nicht, aber die ersten Verkäuferinnen stehen bereit.

In wenigen Wochen wird der Vertrag mit dem Friseur geschlossen, so dass auch dieses Angebot im Mehrfachfunktionshaus gesichert ist.

Jetzt fehlen noch die Farbanstriche, die Fußbodenfliesen, Geräte und Einrichtungsgegenstände und im Oktober/ November wird der Laden eröffnen.

Neben all diesen Aufgaben hat sich eine Gruppe zur Gestaltung der Themenmärkte in der Markthalle gebildet. Ein erster Flohmarkt findet am 3. September statt, es folgt der Herbstmarkt sowie Kindersachenbörsen u. ä. Wer es einfach liebt, Konflikte am liebsten vermeidet und schnelle Ergebnisse braucht, der sollte niemals einen Dorfladen aufbauen – und schon gar nicht in einem alten denkmalgeschützten Gebäude. Das kostet nämlich nicht nur Zeit, es kostet viel Geld und enorm viel Kraft. Immer wieder gibt es Meinungsverschiedenheiten, die gelöst werden müssen, aber immer wieder, wenn wieder ein Schritt geschafft ist, gibt es auch  gemeinsame Erfolgserlebnisse.

Die Eröffnung des Deersheimer Dorfladens rückt immer näher, dann ist ein großes Ziel erreicht, aber die Arbeit geht weiter. Den Dorfladen attraktiv zu halten, das Sortiment auf die Bedürfnisse der Kunden abzustimmen, den Laden wirtschaftlich zu betreiben und weitere Standbeine zu entwickeln, das werden die Aufgaben der nächsten Jahre sein.

Im Rückblick war die Gründung der Lenkungsgruppe und deren Zusammensetzung aus Personen verschiedener Alters- und Berufsgruppen, ein ganz wichtiger Schritt. Diese Lenkungsgruppe war unverzichtbar und auch als sich aus den gleichen Personen Aufsichtsrat und Vorstand gegründet hatten, war diese Zusammenarbeit entscheidend. Ebenso wichtig war die Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Einheitsgemeinde Stadt Osterwieck.

Es geht nur miteinander, auch wenn notwendige Entscheidungen nicht immer auf beiderseitiges Verständnis trafen.

Die Begleitung des Agenda21-Büros des Landkreises von der ersten Idee bis zur Umsetzung und Eröffnung des Ladens war eine große Unterstützung. Dadurch konnte auch die Verbindung zur Verwaltung, zur Politik und zur Wirtschaft geschaffen werden, die entscheidend für den Projekterfolg war.

Überraschend war die Unterstützung aus der Wirtschaft, zwei Deersheimer Betriebe haben vierstellige Summen zur Unterstützung des Projektes gezahlt und ein weiteres unternehmen wird ein Fahrzeug sponsern. Deersheimer Familien haben zusätzlich zur Zahlung ihrer Genossenschaftsanteile mehrfach Einnahmen aus Familienfeiern an die Dorfladeninitiative überwiesen.

Ein professioneller Ladeneinrichter aus Emersleben hat die Dorfladen-Initiatoren von Anfang an bei der Planung der Einrichtung unentgeltlich unterstützt. Seine Begründung, er wollte dieses spannende Projekt miterleben und sein Wissen einbringen.

Der Ortsbürgermeister verschenkt an jedes Kind, welches seit 2014 geboren wurde/ wird einen Anteil für die Genossenschaft Dorfladen Deersheim eG.

Die Erkenntnis, dass man zusammen etwas schaffen kann, was allein undenkbar wäre, ist entscheidend für den Projekterfolg.

Das Dorfladenprojekt hat Deersheim und die gesamte Region bekannt gemacht. Rundfunk und Fernsehen sowie die Presse berichteten immer wieder über die Fortschritte und Rückschläge. Das Projekt hat die Menschen in Deersheim stolz gemacht und es hat anderen Initiativen Mut gemacht. Entscheidend wird auch der Erfolg nach Eröffnung sein, aber die Tatsache, dass die Deersheimer den langen, steinigen Weg bis dahin geschafft haben, ist allein schon ein riesiger Erfolg.

 

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